Erklärung zu Tafel 2 : Karl – Vorbild für Europa?

…In den Krieg ziehen, erobern, um selig zu werden? Die Zeitgenossen wussten es gebührend zu würdigen: „Waffengewaltig“, „schwertgewaltig“, „kriegsmächtig“ – so priesen sie den König. Machtstreben, Skrupellosigkeit und Verschlagenheit zeichneten ihn aus. Von Beginn seiner Regierung an führte Karl – den Zielen extensiver Herrschaft verpflichtet – Krieg.

Zunächst zog er gegen die Sachsen. Er wolle, so rechtfertigte er sich, Heiden zur Taufe zwingen. Doch galt es nicht minder, einen den Franken seit Jahrhunderten lästigen Feind auszuschalten. Der Widerstand des sächsischen Adels, längst den zivilisatorischen Verlockungen des Westens erlegen, war matt. Gewehrt hat sich vor allem das einfache Volk, das seine Freiheit liebte, zu deren Inbegriff ihm das Heidentum wurde.

30 Jahre zog sich der Krieg in die Länge, bevor der letzte Widerstand erlosch. Karl griff zu brutalsten Maßnahmen. Massenhinrichtungen wie das berüchtigte „Blutbad“ zu Verden mit Tausenden von Toten, Deportationen und Exil, Umerziehungsdruck und kirchliche Kontrolle sollten dauerhaft schrecken. Der Erfolg blieb nicht aus. Nach einem Jahrhundert der Zugehörigkeit zum Frankenreich erkannten die Sachsen in Karl ihren Heilsbringer, den seligen Glaubensboten, der sie zu Christus geführt hatte…

…Gewaltige Beute schleppte Karl von hinnen, dazu „Männer, Frauen und Kinder, eine zahllose Menge“; sie erwartete Sklavenlos. Entsteht Großes nur durch Gewalt?…

aus: Johannes Fried, „Ein dunkler Leuchtturm“, in Der Spiegel – Heft 3/2002Seiten

 

Interessanterweise begegnen erste Ansätze zu einer Umwertung Karls als europäische Identifikationsfigur aber nicht erst nach 1945, sondern schon in den letzten Kriegsjahren. Sie spiegeln damit die Versuche des NS-Regimes wider, eine eigene Lesart des Europa-Gedankens zu propagierten. Deutschland wurde hier zum Vorkämpfer der vereinten europäischen Völker gegen den „asiatischen Bolschewismus“ – hierzu passt, dass eine Division der SS, die hauptsächlich aus kollaborierenden, freiwilligen Franzosen bestand, den Namen „Charlemagne“ erhielt. Für die Offiziere dieser Division ließ Adolf Hitler als besonders Memorialobjekt einen Porzellanteller produzieren. Diesen ziert die berühmte, wohl um 870 hergestellte Bronzestatuette des Louvre, die einigen Deutungen zufolge den reitenden Karl den Großen zeigen soll, sowie eine lateinische Inschrift: Imperium Caroli Magni Divisum Per Nepotes Anno DCCCXIII Defindit Adolphus Hitler Una Cum Omnibus Europae Populus Anno MCMXIII – „Das Reich Karls des Großen, geteilt von den Enkeln im Jahre 843, verteidigt Adolf Hitler zusammen mit allen Völkern Europas im Jahre 1943“.

Im Kern macht der Kontext aber auch hier klar, dass es sich bei diesem emphatisch angerufenen Europa vorrangig um eine „Zusammenschluss Deutschlands und Frankreichs handelte, also just jener beiden nationalen Pole zwischen denen Karl seit Jahrhunderten eingespannt war. Darüber hinaus weist der gesamte Rahmen der nationalsozialistischen Karlsbezüge darauf hin, dass dieses Europa eine Konstruktion unter deutscher Führung sein sollte. Karl steht hier für den „germanischen“ Reichsgründer, der ein Vorbild als kraftvoller Einiger des Erdteils bieten konnte, ohne dass dies seiner deutschen Verortung widersprochen hätte.

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Über dieser Entwicklung des „europäischen Karlsbildes“ sollten aber nicht die kritischen Stimmen vergessen werden, die in den Jahren um und nach 1945 ebenfalls existierten. Für manchen Historiker stellte das Karlsreich aufgrund seiner hegemonialen Züge gerade kein Vorbild für die eigene Gegenwart dar. Aus dieser Perspektive hatte das Großreich der Karolinger erst zerfallen müssen, um den Weg für die Entstehung Europas frei zu machen. Letztlich ging es bei diesen divergierenden Einschätzungen weniger um das historische Fachwissen als vielmehr um Deutungsfragen, die von der Rekonstruktion der historischen Verhältnisse weitgehend abgelöst diskutiert werden konnten. Denn wer Karl den Großen zum Modell erhob, akzeptierte nicht nur die hegemonialen Züge eines imperialen Anspruchs, sondern votierte implizit auch für die „kleineuropäische“ Variante eines (lateinisch-)christlich-abendländischen Europas. Diese Vorentscheidung gilt es zu beachten, wenn man die Beiträge von Mediävisten der 1950er-Jahre zu den europäischen Vorstellungen und Realitäten des Mittelalters liest. Die Identifikation des „eigendlichen“ Europa des Mittelalters mit dem Karolingerreich rechtfertigte zugleich die neue Grenzziehung des „Eisernen Vorhangs“ sowie die Selbstbeschreibung der westeuropäischen Staatenorganisationen als europäisch. Darüber hinaus mag man es als Reflex der gewohnten nationalen Deutungsvarianten interpretieren, dass die dem Modell Karl gegenüber kritische Stimmen in der deutschen Geschichtswissenschaft der 1950er- und 1960er-Jahre kaum aufgenommen wurden. Zwar wurde der Kaiser hier jetzt meist nicht mehr als „Deutscher“ sondern als „Franke“ bezeichnet, aber auch 1956 bildete er in einem Band zu den „Großen Deutschen“ noch den Auftakt.

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Die Europa-Vorstellung des Karlspreises war mit ihrer westeuropäischen Ausrichtung noch enger gefasst und operierte alternativ auch mit der Formal vom Abendland. In diesem Sinne verwies auch Coudenhove-Kalergi als erster Preisträger in seiner Dankesrede am 18. Mai 1950 emphatisch auf de Karl den Großen, dessen Reich er als „europäisches Kaiserreich“ ansprach und in dessen Namen er die Erneuerung der „Einheit des Abendlandes“ forderte. Zur praktischen Umsetzung schlug er die Schaffung einer Staatengemeinschaft von Deutschland, Frankreich, Italien, Belgien, den Niederlanden und Luxemburg vor, die „Union Charlemagne“ genannt werden sollte.

Es ist bekannt, dass der von Coudenhove-Kalegi umrissene geografische Rahmen tatsächlich zum Kern des folgenden europäischen Einigungsprozesses wurde. Allerding sollte man daraus keineswegs, wie es zuweilen geschieht, auf eine erstaunliche Dauerhaftigkeit der karolingischen kulturellen Prägung schließen, die sich noch über 1000 Jahre nach dem Ende der fränkischen Dynastie auswirkte. Vielmehr lassen sich in den Jahren um 1950 Bezüge maßgeblicher Politiker auf das Modell Karl nachweisen. Damit überrascht es nicht, dass Karl der Große zügig zum Vorbild der europäischen Einigung aufgebaut wurde. Eine besonders markante Etappe dieses Prozesses, bei dem politische Bedürfnisse und Wertungen der Fachwissenschaft eng zusammenspielten, stellte die Karl gewidmete und unter dem Patronat des Europarates stehende Aachener Ausstellung des Jahres 1965 dar.

 

Klaus Oschema, „Ein Karl für alle Fälle – Historische Verortung Karls des Großen zwischen Nation, Europa und der Welt“, in: ‪Europäische Erinnerung als verflochtene Erinnerung – ‪Vielstimmige und vielschichtige Vergangenheitsdeutungen jenseits der Nation, ‪Vandenhoeck & Ruprecht, 2014 S. 55 -59

 

…Selbst Himmler stellt 1941 fest, daß er Karl wegen der Sachsenmorde eigentlich verabscheuen müßte, dies jedoch die einzige Möglichkeit war, das Reich zu bilden, das Europa viele Male vor dem Ansturm Asiens rettete(324).

Dieser Umschwung im NS-Geschichtsbild wird von der westdeutschen Forschung zum Teil ignoriert, wohl auch weil man Karl den Großen zur historistischen Illustration von christlichem Abendland, EWG und deutsch-französischer Verständigung selbst benötigt. Mit der konservativen Abendlandideologie knüpft man nahtlos, wenn auch dezent an die offizielle nationalsozialistische Geschichtsinterpretation der vierziger Jahre an, postuliert aber einen Kontinuitätsbruch, der von Hitler schon zehn Jahre früher eingeleitet worden war(325). In der Regel wird der Umschwung in der Interpretation der Kaisergeschichte zwar beobachtet, aber zu spät datiert. Eine Reihe von Historikern weist auf den Zusammenhang von erfolgreicher expansiver Außenpolitik und Eroberungskrieg hin, was sicher die Umwertung beschleunigt, aber nicht initiiert hat(326); andere betonen die Bedeutung der Historiker, die wohl kaum in der Lage gewesen wären, wenn ihr Vorstoß 1935 nicht im Trend gelegen hätte(327). Daß der Einsatz für die deutschen Kaiser bereits 1935 sehr angebracht war, läßt sich damit belegen, daß Rosenberg die entsprechenden Stellen in seinem „Mythos“ zwischen 1934 und 1935 umgeschrieben hat und auch 1936 edierte Reden abgeändert und mit speziellen Einleitungen versehen hat, was nur mit einer Einflußnahme Hitlers zu erklären ist…
aus: Frank Westenfelder, Genese, Problematik und Wirkung nationalsozialistischer Literatur am Beispiel des historischen Romans zwischen 1890 und 1945, hier: Kapitel IV.5. Machtkampf undÄnderungen im Geschichtsbild, Frankfurt, Bern, New York, Paris 1989

 

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