Erklärung zu Tafel 5: (P)Einiger Europas?

Wie aber sollte die auf den europäischen Westen bezogene Integrationsfigur nun zum Symbol einer politischen Struktur werden, deren territioraler Rahmen weit über jenen des ehemaligen Karolingerreichs hinausgeht? Die Geschichte vieler Mitgliedsstaaten der EU weist keine Bezüge zu Karl dem Großen auf. Wie ist es also zu bewerten, wenn weiterhin der Frankenherrscher als Gründervater Europas propagiert wird? Wie reagieren die Historiker und die Bevölkerung der betreffenden Staaten?

Klaus Oschema, „Ein Karl für alle Fälle – Historische Verortung Karls des Großen zwischen Nation, Europa und der Welt“, in: ‪Europäische Erinnerung als verflochtene Erinnerung – ‪Vielstimmige und vielschichtige Vergangenheitsdeutungen jenseits der Nation, ‪Vandenhoeck & Ruprecht, 2014 , S.61

 

Dabei zeigte sich Karl vor allem als tatkräftiger Herrscher, der günstige Gelegenheiten erkannte und sie konsequent, ja rücksichtslos nutzte. Gepaart mit seiner Vitalität, die ihm eine außergewöhnlich lange Herrschaftzeit beschied, war dies die wichtigste Voraussetzung für die Schaffung einer hegemonialen Herrschaft in Europa. Das macht ihn zur überragenden Gestalt, an deren robuster Handlungseise das Mittelalter keinen Anstoß nahm.

Aus heutiger Perspektive erscheint dies fragwürdiger. Weil wir die Zeit, in der Karl lebte, meist nicht genau genug kennen, ist die Gefahr von Missverständnissen allerdings groß. Zurückhaltung im Urteil daher wohltuend. So verkennt die geläufige Rede von „Sachsenschlächter“ Karl – ganz abgesehen von ihrer nationalistischen Grundfärbung- die Realitäten frühmittelalterlicher Kriegsführung die (wie die moderne) auf das einzelne Lebewesen keinerlei Rücksicht nahm. Auch die Idee von Karl als dem Vater Europas hat sich als brüchig erwiesen. Die sehr vereinzelten Quellen, die ihn in dieser Rolle preisen, können nicht darüber hinwegtäuschen, dass sein Handeln keiner Europa-Idee folgte. Was unbestreitbar bleibt, ist ein Karlsreich von (kern)europäischen geografischen Dimensionen- Raumähnlichkeit, nicht aber Identät!

Harald Müller aus Prospekt, „Das Projekt – Ottmar Hörl – Installation Karl der Große“, Seite 16, Aachen, April 2014

 

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