Impuls

Der Impuls:

Karl „der Große“

Karl „der Große“ starb vor 1.200 Jahren. Und weil (die) Aachener sich mit Karl identifizieren, wird 2014 in der „alten Kaiserstadt“ Aachen nun seiner gedacht: zuerst mit dem unvermeidlichen Karlspreis, dann mit den drei Ausstellungen „Orte der Macht“ im Rathaus, „Karls Kunst“ im neuen Centre Charlemagne, und „Verlorene Schätze“ in der Domschatzkammer.

Und die Aachener lieben ihren Karl. Sogar als Figur „mein Karl 2014″ aus wetterfestem (!) Kunststoff, 110 cm „groß“. In den Farben Bronze und Purpurrot konnte man ihn kaufen – aus einer öffentlichen Installation von 500 Stück.

Dazu der Oberbürgermeister von Aachen, „… Jeder Besitzer, jede Besitzerin wird zum Botschafter für Aachen und sein historische Erbe. Und gleichzeitig für die zeitgemäße, humorvolle Art, sich mit diesem Erbe auseinanderzusetzen …“
Zitat aus Prospekt, „Das Projekt – Ottmar Hörl – Installation Karl der Große“, Aachen, April 2014

Unzählige Veranstaltungen begleiten die großen Events in Aachen: Bühnenstücke, Musicals, Ausstellungen, Schaufenster-Wettbewerbe, Gemälde-Reproduktionen, Interpretationen… man hat seinen „Karl“, seinen „Karli“, seinen „Kalli“, sein „Karlchen“, seinen „King Kalli“.
Dazu gehört die Erklärung von Georg Minkenberg, dem Leiter der Domschatzkammer, zur Entscheidung der Hinterbliebenen, dass Kaiser Karl in der Aachener Pfalzkapelle sein Grab erhalten sollte, „Fest steht, dass Karl hier noch am Tag seines Todes begraben wurde. Die wussten, dass Aachen ohne Karl bedeutungslos werden würde.“
Zitat aus: Annette Bruns, „Karl der Große: Ein Ochse für den Hof“, in Der Spiegel – Geschichte, Heft 6/2012

„Karl, „der Große“? Ja, wenn es groß ist, dass einer die Chance nutzt, die ihm die Geschichte bietet, aus Kalkül wie aus Instinkt, aus Lust an der Macht wie am Erfolg, dann war er groß. Das heißt nicht: gut. Aber wer fragt schon nach Kollateralschäden, wenn es um Europa geht. Damals wie heute.“
Zitat aus: Andreas Kilb, „Der Mann, der Europa aufräumte“, in Frankfurter Allgemeine, 28.01.2014

 

Karls Erbe:

Welches ist gemeint?

Karl als Vereinheitlicher der Sprache, der Bildung, des Kalenders, der Steuern, der Militärdienste, des Münzwesens?

Oder: Karl als Ehemann von fünf Frauen, immerhin nacheinander?

Oder: Karls Schwert-Mission, mit der er die Ausbreitung des christlichen Glaubens vorantreiben wollte? „Taufe oder Tod“ hieß bei Karl die Parole. Wer nicht glauben wollte, verlor seinen Kopf.

Oder: Karl als Machtmensch und als Tyrann. Von Beginn seiner Regierung an führte Karl Krieg.

 

Karl, der große Europäer?

Wann tauchte die Idee „Europa“ auf? Wer brachte sie mit Karl in Verbindung, dass er „für“, nicht bloß „in“ Europa handelte? Wer war das Sprachrohr dieses Konzepts? Die Antwort darauf ernüchtert. Sie enteilt dem Karolinger um ein volles Jahrtausend. Denn die Karls-Schau verdankte sich der deutschen Romantik und verbreitete sich – durch die braune Propaganda.
Aus: Johannes Fried, „Ein dunkler Leuchtturm“, in Der Spiegel – Heft 3/2002

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